Theologisches Profil der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Bremen-Blumenthal

Das theologische Profil, das Sie hier auf dieser Unterseite vorfinden, folgt in seiner Gliederung dem Namen der Gemeinde: Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Bremen-Blumenthal.

Evangelisch-

Wir glauben an den dreieinigen Gott, den Schöpfer, Erlöser und Bewahrer allen Lebens. Die Bibel, das „Alte“ und „Neue Testament“, ist die alleinige Grundlage des Glaubens der Gemeinde. Das Wort „Testament“ bedeutet „Bund“. Der „Alte Bund“ gründet auf der Offenbarung des Gottesnamens[2] am Berg Sinai, mit dem Gott sich dem Volk Israel als der Befreiende aus dem Sklavendienst bekannt macht. Diesem Gott dienen heißt, den Bund halten, seinen Willen tun. Sein Wille ist, dass alle das Leben und volle Genüge haben.
Im „Neuen Bund“ hat Jesus Christus uns mit allen Menschen der Erde in die befreite Gottesgemeinschaft hineingerufen.[3]

Das Wort „evangelisch“ ist außerdem ein Verweis auf die Geschichte seit der Reformation, wie sie in den letzten 500 Jahren die Kirche verändert und geprägt hat. Diese Bezeichnung ist nicht zu verstehen als Affront gegen die katholische Kirche, mit der wir uns in der Ökumene verbunden wissen.

 

reformierte

Die Bezeichnung „reformiert“ meint „nach Gottes Wort erneuert“. Maßstab für die ständige Erneuerung ist allein die Bibel.[1]

Predigt, Gemeindegesang, Gebete und ein Bekenntnis bestimmen den schlichten Ablauf (Liturgie) des reformierten Gottesdienstes. Die Predigt ist die Hauptaufgabe der dazu ordinierten oder berufenen Frauen und Männer. Die in der reformierten Tradition entstandenen Lieder nach den Psalmen des Alten Bundes verbinden uns besonders mit dem Glauben Israels.

Als reformierte und sich immer wieder erneuernde Gemeinde haben wir keine für alle Zeiten feststehenden Bekenntnistexte. Wir haben die Gewissheit, in jeder Zeit angemessene Worte des Glaubens finden zu können, um unser Bekenntnis auszudrücken. Wir bringen in der Gemeinde Glaubensaussagen sowohl durch historische als auch durch zeitgenössische Texte (Apostolisches Glaubensbekenntnis, Heidelberger Katechismus, Barmer theologische Erklärung, Bekenntnis von Accra[4] sowie weitere Bekenntnisse aus unserem „Gottesdienstbuch“) zur Sprache.

Weil dem Gottesvolk die Herstellung und Anbetung von Bildern verboten ist, fehlen in reformierten Kirchen vor allem bildliche Darstellungen. Wir versuchen, auch in der heutigen Zeit von der Weisheit des Bilderverbots zu lernen. Bis heute sind reformierte Kirchen schlicht gehaltene Gebäude. In der Architektur und der Ausgestaltung des Kirchenraumes soll sich das Profil der Gemeinde ausdrücken. Reformierte Kirchen sind Orte der Wortverkündigung und der Tischgemeinschaft mit Christus. Heilig sind sie nicht durch ihre Form, sondern durch diese Bestimmung. Der Abendmahlstisch ist kein Altar im Sinne sakraler Opferstätten, sondern ein Symbol der Gemeinschaft.[5]

 

Kirchen-

Als einzelne Gemeinde sind wir ganz Kirche, aber nicht die ganze Kirche. Somit fühlen wir uns verbunden und eingebunden in die weltweite Kirche, in die weltweite Christenheit.
Für ökumenische Begegnungen und für eine Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden ist unsere Gemeinde immer bereit. Darüber hinaus ist sie offen für Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften.

Das Sprechen des UnserVater-Gebets sowie traditioneller Glaubensbekenntnisse in unseren Gottesdiensten verbindet uns Sonntag für Sonntag mit der weltweiten Christenheit und stellt die Gemeinde in besondere Beziehung zu Jesus sowie zu den frühen Christengemeinden.

Besonders das Verständnis des Abendmahls hat seit der Reformationszeit zur Trennung der evangelischen Kirchen („lutherisch“ und „reformiert“) geführt. Der Streit ist soweit beigelegt, dass die verschiedenen Verständnisse nicht mehr kirchentrennend sind[6]. In der Leuenberger Konkordie von 1973 wurde festgehalten, dass zwischen den unterzeichnenden Kirchen Abendmahls- und Taufgemeinschaft besteht. Diese und weitere Kirchen sind heute in der „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ miteinander verbunden.

Christus selbst ist der Handelnde in den Sakramenten Taufe[7] und Abendmahl[8]. Er schenkt damit  die Gemeinschaft zwischen sich und den Menschen und eröffnet Wege zur Vergebung von Schuld. Nicht das Taufwasser und nicht Brot und Wein bewirken als Elemente eine Veränderung. Durch das Leben in der Gemeinde der Getauften und in der Mahlgemeinschaft und durch das Hören auf Gottes Wort wird der Christ in die Nachfolge Jesu Christi gerufen und kann sein Leben ändern.

 

gemeinde

Die Kirche (und damit auch jede einzelne Gemeinde) ist nach reformiertem Verständnis eine Kirche von unten. Die ganze Gemeinde ist verantwortlich für das, was in ihr geschieht[9]. Sie regelt ihre eigenen Belange selbst, in Rücksicht auf die jeweilige Situation und bittend um die Inspiration der Heiligung (den Heiligen Geist). Dazu wählt sie den Kirchenrat und begleitet dessen Arbeit durch den Gemeindekonvent. Es gibt in ihr verschiedene Fähigkeiten, die aber keine Hierarchie begründen: Weil Christus ihr alleiniger Herr ist, hat kein Dienst (Amt) einen höheren Rang als die anderen.  Die Gemeinde entscheidet in geistlichen Fragen (Theologie, Bekenntnis, etc.) unabhängig von den Gremien der Bremischen Evangelischen Kirche, zu der unsere Gemeinde gehört.%In geistlichen Fragen hat auch die Kirchenleitung keine Entscheidungsgewalt über die Gemeinde.

Die Gemeinde beruft und ordiniert neben den Pastor(inn)en geeignete und nach der Ordnung der Evangelisch-Reformierten Kirche ausgebildete Gemeindeglieder zu Ältestenprediger(inne)n, die mit den gleichen Rechten Gottesdienste, Taufen, Abendmahlsfeiern, Trauungen und Bestattungen leiten. Auch nach der Ordnung der Bremischen Evangelischen Kirche ausgebildete Prädikant(inn)en können zu diesen Diensten berufen werden.

 

Bremen-Blumenthal

Die Gemeinde existiert nicht außerhalb der Welt, sondern in der Gesellschaft, an ihrem Ort. In einer Gesellschaft sind oft falsche Götter wirksam, die in die Unfreiheit führen, die Menschen versklaven, statt sie zu befreien. „Wir leben in einer Welt, in der der Glaube an den Mammon die Glaubwürdigkeit des Evangeliums bedroht.“[10] Die Kritik an falschen Göttern, die Religionskritik, wird daher zur Gesellschaftskritik[11], deren Ziele sind: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dies muss auch in unserem Verhalten Niederschlag finden. Wir verstehen uns als „Kirche für Andere“ (Bonhoeffer) und nehmen aktiv teil an den weltlichen Aufgaben des Gemeinschaftslebens. Eine ökofaire Beschaffung, ein behutsamer Umgang mit Ressourcen und ein konsequenter Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, weltweit und in unserem Ortsteil, sind dabei wichtige Eckpfeiler. Als reformierte Gemeinde gilt für uns die Parteinahme für die Armen und Geschundenen, auf deren Ächzen wir zu hören und deren Tränen wir zu sehen haben. Es gehört zu unseren Kernaufgaben, Leid zu mildern und zukünftiges Leid bereits in der Entstehung abzuwenden. Hierbei orientieren wir uns an den Bedürfnissen der Menschen, ungeachtet ihrer Kirchenzugehörigkeit und ihres Glaubens.

Die gesamte Bibel ist dabei wegweisend für unser Tun.

Der Kirchenrat, 17. September 2014

 

Erläuterungen und Quellennachweise

1: Beim Lesen und Verstehen der Bibel gebrauchen wir jeweils passend zum Anlass verschiedene Übersetzungen. Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Erforschung verhelfen uns zum sachgerechten Verständnis. In der Auslegung und Bewertung der Texte haben wir die Fragen und Herausforderungen der Gegenwart und unsere Verantwortung vor ihnen im Blick. Mit dem Wort „Bibel“ meinen wir in unserem Profil die Vielfalt der Übersetzungen und die hinter ihnen stehenden, maßgebenden Urtexte.

2: Der befreiende Gott der Bibel hat einen Namen, den er dem Volk Israel offenbart hat. In der jüdischen Tradition wird dieser Name weder geschrieben noch gesprochen, stattdessen wird „Adonai“ (Herr) gesagt. Aus diesem Grund verwenden auch viele deutschsprachige Bibelübersetzungen die Bezeichnung „Herr“ an den Stellen, an denen im Urtext der Gottesname steht.

3: Der Bund wurde ursprünglich nur mit Israel geschlossen. Wir Christen haben nicht am Sinai gestanden. Wir sind die durch Jesus Christus Hinzugerufenen. Die Gemeinde ist die Gemeinschaft der Hinzugerufenen je an ihrem Ort. Sie ist die Versammlung der Gläubigen und ihre Aussendung in die Welt, ihr Hinausgehen in Frieden. In Wort und Tat legt die Gemeinde Zeugnis ab vom Reich Gottes und erfährt einen Vorgeschmack seines Kommens. So ist sie der Leib Christi. Sie ist dies, soweit alle Gemeinden der Leib Christi sind. Die Gemeinschaft zeigt sich besonders im gemeinsamen Essen und im gemeinsamen Hören auf das Wort.

4: Am 11. August 2004 verabschiedete die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra (Ghana) eine Bekenntniserklärung in Form eines „Bundes für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit“. In diesem Text werden alle Mitgliedskirchen aufgerufen, die „Zeichen der Zeit“ genau zu analysieren und die globalisierte Ausplünderung der Erde aktiv zu bekämpfen. Der Text sagt: „Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. Nein aber auch zu allen anderen Wirtschaftssystemen, − einschließlich der Modelle absoluter Planwirtschaft, − die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Schwächeren und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben. Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht.“

5: Hierzu gibt es eine ausführliche und theologisch fundierte Ausarbeitung, die in der Gebäude-AG entstanden ist.

6: Leuenberger Konkordie (Gemeinsame Erklärung der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen 1973): „Die Gemeinschaft mit Jesus Christus in seinem Leib und Blut können wir nicht vom Akt des Essens und Trinkens trennen. Ein Interesse an der Art der Gegenwart Christi im Abendmahl, das von dieser Handlung absieht, läuft Gefahr, den Sinn des Abendmahls zu verdunkeln. − Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.“

7: Johannes Calvin (Institutio IV,15,1): „Die Taufe ist ein Zeichen der Einweihung, durch das wir in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden.“

8: Johannes Calvin (Institutio IV,17,11): „Im Sakrament des Abendmahls wird uns durch die Merkzeichen von Brot und Wein Christus in Wahrheit dargeboten, damit wir erstens mit ihm zu einem Leibe zusammenwachsen und zweitens auch seine Kraft erfahren, indem wir an allen seinen Gütern teilhaben.“

9: Johannes Calvin schreibt in seinem „Unterricht in der christlichen Religion“  (Institutio IV, 1,3): „Die Kirche ist die Gemeinschaft der Heiligen. Sie werden nach der Ordnung der Gemeinschaft mit Christus versammelt, dass sie all die Wohltaten, die ihnen Gott gewährt, gegenseitig einander mitteilen.“
Heidelberger Katechismus, Frage 55: „Was verstehst du unter der Gemeinschaft der Heiligen?“ − „Alle Gläubigen haben als Glieder gemeinsam und jeder für sich Gemeinschaft an dem Herrn Christus und an allen seinen Schätzen und Gaben. Darum soll auch jedes Glied seine Gaben willig und mit Freuden in den Dienst der anderen Glieder stellen.“
Barmer Theologische Erklärung (These IV): „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.“

10: Aus: Gemeinsam für das Leben. Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten. Eine neue Erklärung des ÖRK zu Mission und Evangelisation, 2012.

11: Barmer Theologische Erklärung (These II): Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“