Was bedeutet eigentlich „Reformiert“?

Schaut man sich die Namen der Kirchengemeinden innerhalb der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) an, so wird einem das Wort „reformiert“ nicht oft begegnen. Genauer gesagt: nur ganze drei der Gemeinden innerhalb der BEK tragen den Zusatz „reformiert“ im Namen. Dies sind unsere Ev.-ref. Kirchengemeinde Blumenthal sowie unsere ehemaligen Tochtergemeinden Ev.-ref. Kirchengemeinde Aumund und Ev.-ref. Kirchengemeinde Rönnebeck-Farge.

Doch was bedeutet dieses Wort nun? Wieso bestehen diese wenigen Gemeinden darauf, es im Namen zu tragen? Und warum sind sie in der Minderheit?

Huldrych Zwingli

Huldrych Zwingli (gemeinfreie Zeichnung von Georg Osterwald (1803–1884))

Um dies zu erläutern, muss ein wenig ausgeholt werden. Bis in das 16. Jahrhundert hinein gab es in Westeuropa lediglich die katholische Kirche; im Osten hatten sich einige Ostkirchen bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus abgespalten. In Westeuropa kamen dann im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert durch einige Vorreformatoren evangelische Protestbewegungen ans Tageslicht, die in Deutschland in der Nachfolge der Reformation Martin Luthers (1483-1546; mit ihm auch Philipp Melanchthon (1497-1560)) zur Herausbildung einer protestantischen Kirche führte. In etwa zeitgleich gab es jedoch auch an anderen Orten reformatorische Bewegungen, so auch in der Schweiz (Zürich bzw. Genf), wo Huldrych Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) wirkten. Obwohl es auch noch weitere Personen gab, die maßgeblich an der Kirchenspaltung beteiligt waren, lassen sich die beiden großen innerevangelischen Konfessionen, die sich in der Folgezeit herausbildeten, im Wesentlichen auf diese vier genannten Menschen zurückführen: die lutherische Konfession auf Luther und Melanchthon, die reformierte auf Zwingli und Calvin.

Johannes Calvin

Johannes Calvin (gemeinfreie Zeichnung von Henri-Louis Convert (1789–1863))

Dass sich hieraus nicht eine einzige, evangelische (auch „protestantisch“ genannt) Konfession entwickelte, lag an unterschiedlichen Auffassungen zum Abendmahl – zu allen anderen Streitpunkten konnten sich Zwingli und Luther auf dem Marburger Religionsgespräch (1529) einigen. Dieser kirchentrennende Abendmahlsstreit wurde nie endgültig beigelegt, auch heute noch haben Reformierte und Lutheraner unterschiedliche Abendmahlsauffassungen. Seit der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie im Jahre 1973 sind diese Differenzen jedoch nicht mehr kirchentrennend: Trotz unterschliedlicher Auffassungen existiert nun eine „Abendmahlsgemeinschaft“ zwischen den innerevangelischen Konfessionen.

Obwohl sich Zwingli und Luther zu vielen anderen Punkten auf gemeinsame Auffassungen einigen konnten, bestehen und bestanden zwischen Lutheranern und Reformierten weitere, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen verschieden stark ausgeprägte Unterschiede.

Als besondere Spezifika der reformierten Konfession sind zu zählen:

  • Schlichte Liturgie; liturgischer Schwerpunkt ist die Predigt, die durchaus 20 Minuten dauern kann
  • Schlichte Kirchräume; das Bilderverbot wird strengtens eingehalten, Kreuze, Symbole und Bilder sind in reformierten Kirchen nur selten (und wenn, dann in dezenter Ausführung) zu finden
  • „Andere“ Zählung der 10 Gebote; Bilderverbot ist 2. Gebot, dafür sind die beiden Gebote des Nicht-Begehrens in der Zählung zu einem zusammengefasst
  • Heidelberger Katechismus ist zwar klassisches Bekenntnis der Reformierten, hat aber heute keinen Bekenntnisstatus mehr (generell sind reformierte Bekenntnistexte stets nur in ihrer Zeit gültig, nicht „bis in alle Ewigkeit“)
  • Synodal-presbyteriale Kirchenstruktur (Kirchenaufbau „von unten nach oben“); sehr herrschaftskritisches Kirchen- und Gemeindeverständnis
  • Ordinierte Ältestenprediger; bei den Reformierten werden „Laienprediger“ ordiniert
  • UnserVater-Gebet; Reformierte sprechen nicht das Vater-Unser-, sondern das UnserVater-Gebet
  • Psalmengesang im Gottesdienst

In der heutigen Zeit sind „die Reformierten“ besonders durch ihr kritisches politisches Engagement in Friedensbewegungen, Umweltschutz und in der Kapitalismuskritik vielen Menschen ein Begriff. Zu letztgenanntem Punkt konnte besonders das „Bekenntnis von Accra“ Aufmerksamkeit erregen. Der damals noch existierende „Reformierte Weltbund“, der sich 2010 am Calvin College in Grand Rapids (USA) mit dem „Reformierten Ökumenischen Rat“ zur „Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen“ zusammengeschlossen hat, verabschiedete damit einen „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit“.

In Deutschland sind die reformierten Gemeinden verbunden durch den „Reformierten Bund“.
Aus der Broschüre „Evangelisch-Reformiert“ (Herausgegeben von Jochen Pitsch und Jörg Schmidt, 1987) des Moderamens des Reformierten Bundes lassen sich ausdrucksstarke Sätze zitieren, die auch in unkommentiertem Zustand bereits deutlich machen, was „Reformiert“ bedeutet:

„Reformierten kann es nie in erster Linie um das Reformiertsein gehen. Ihr Thema ist vielmehr Jesus Christus und das Reich, das er bringt.“ (S. 11)

„Die Reformierte Kirche vertraut darauf, daß Christus selbst seine Herrschaft aufrichtet durch die Predigt des Wortes Gottes. Das Wort allein, das ganze Wort und nichts als das Wort darf in der Kirche Geltung beanspruchen.“ (S. 13)

„Reformierte Kirche will Gemeindekirche sein. Sie baut sich auf von ‚unten‘ nach ‚oben‘. (…) Die ganze Gemeinde ist zu Zeugnis und Dienst berufen. Die gegliederte Vielfalt der geordneten Dienste (Ämter) der Kirche darf dem nicht entgegenstehen und begründet keine hierarchische Herrschaft innerhalb der Kirche.“ (S. 17)

„Reformiertsein ist eher eine Haltung und Verhaltensweise als eine Konfession. Die besonderen Merkmale dieser Haltung sind Offenheit für Gott und für die Not des Nächsten (…).“ (S. 21)